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Berlin Fashion Week, Tag 4 und Analyse
23. Januar 2010

Von Joachim Schirrmacher

Sechs Messen, 140 Termine in vier Tagen – das war nicht zu schaffen. Gerne hätte ich noch die Schau des Newcomer-Duos PerretSchaad gesehen (sie gelten als die Neuentdeckung dieser Fashion Week), den Eco-Catwalk sowie das Panel „Fashion Blogs – Hype or Future“ besucht. Doch die Lust ist bei allen raus. Es ist schon merkwürdig, wie geradezu hysterisch der erste Tag verläuft und wie sehr die Spannungsbogen am letzten Tag abfällt. Nachdem die Messen vorbei sind, stehen heute noch drei Schauen in meinem Kalender. Die Schau von Frida Weyer war typisch für viele junge Designer: Die Kleider sind so austauschbar wie die Phrasen in ihrem PR-Text: „feminine Abend- und Cocktailkleider, die Eleganz und Glamour verleihen.“ Sicher: viele dieser Designer haben ihren Freundeskreis von dem sie mehr oder weniger gut leben. Aber es reicht nicht um nationale oder gar internationale Bedeutung zu erlangen.

Michael Sontag wagt Eleganz

Große Spannung anschließend bei Michael Sontag. In der Mode ist es nicht anders, als in der Literatur: nach einem Bestseller ist der nächste Wurf der schwerste. Sontag stand vor der Aufgaben seinen Ruf des Shootingstars der letzten Saison zu fundieren. Er bekam, wie im Sommer, den Schauenplatz der Veranstalter der Modewoche, IMG, und der Berliner Senatsverwaltung gesponsert. Dazu gehörten auch die Haare von André Märtens und das Make-up von Boris Entrup. Sontag hat sein Niveau gehalten, er ist kein one-hit wonder. Gelobt wurden die Hosen und Rückpartien. Ich bin tief berührt von seiner sensiblen und kraftvollen Handschrift. Mir gefällt, dass er Eleganz wagt; gegen das sonst in der Mode allgegenwärtige Zerstörte, Runtergewaschene und Nachlässige eine Antwort bietet. Eine Antwort, auf die Sehnsucht nach Schönheit, Würde und alten Werten. Er setzt eben nicht, wie so viele, auf Verkaufssicherheit, Tradition und „hot Heritage“. Er bietet einen stillen Aufbruch, einen Generationswechsel an. Natürlich ist es einfacher der Botschaft einer Miuccia Prada zu vertrauen. Doch ist deren modische Aussage relevanter? Sontag selber ist daher sehr zufrieden. Nachdem er die ersten Fotos gesehen hat sagt er: „Es ist so geworden wie ich es mir vorgestellt habe. Die Aussage ist definierter und variationsreicher geworden.“

Wenn auch eine sportlichere Aussage bieten auch Christopher Shannon aus London und Joel Horwitz eine neue Eleganz für den Pop-Dandy.

Was bleibt?

Statt nach der Schau beim Empfang der Zeitschrift Gala dieselben Leute am selben Ort wie schon Donnerstag bei Burda zu erleben, ziehe ich mich zurück und überlege was bleibt. Stark ist die Berlin Fashion Week immer dann, wenn kleine individuelle Labels zeigen. Ob junge contemporary brands bei Seek oder die Präsentation junger Berlin Designer im „Gästezimmer“ der Premium (in Zusammenarbeit mit dem Berlinomat), die Schau von c.neeon oder die neueste Veranstaltung die HBC Couture: Designer Scouts am Alexanderplatz. Hier im authentischen liegt die große Kraft und die größte Chance von Berlin.

Die Messen sind das Fundament der Berlin Fashion Week

Auch die tragende Bedeutung der Messen für Berlin Fashion Week wurde offenbar. Ob Bread & Butter oder Premium: sie ordnen den Markt. Insbesondere die B&B hat die Industrie in ihrer Größe und Macht zusammengeführt. Die Premium Men hat der Männermode nach langer Zeit wieder eine Heimat gegeben. Beide haben geschafft, das Berlin einer der wichtigsten Termine im Kalender der Einkäufer geworden ist. Berlin hat den Durchbruch als Modestadt geschafft. Interessant, das die deutsche Medien wie der Spiegel dies deutlicher skeptischer sehen, als internationale Medien wie CBS News.

In Deutschland will man Berlin immer mit Paris vergleichen. Doch Paris ist die Stadt wo sich das weltweite Angebot und Nachfrage treffen. Hierher kommen die internationalen Einkäufer und Journalisten, hier präsentieren sich Modehäuser aus aller Welt. Das Niveau auf dem sich Wolfgang Joop mit Wunderkind präsentiert kann er nur in Paris verkaufen. Alles andere wäre kaufmännischer Selbstmord. All dies wird verstärkt durch die Geschichte Paris. Berlin hat andere Stärken. Hier findet die Zukunft der Mode statt. So können Unternehmen es hier wagen sich weitaus moderner als in Paris und Mailand darzustellen, weil die Erwartungen andere sind. „Ein Veranstaltung dieser Qualität finden Sie weder in New York noch in Tokio“, sagt denn auch B&B Chef Karl-Heinz Müller.

Ich ärgere mich etwas, dass ich – verstört durch all den Bling-Bling und dem Kampf um Aufmerksamkeit in den anderen B&B-Hallen – meinem Bauchgefühl nicht getraut habe. Denn der Bereich „L.O.C.K. – Labels of Common Kin“ gefiel nämlich nicht nur mir ausgesprochen gut. Er gilt allgemein als Highlight der B&B. Hier war alles etwas ruhiger und großzügiger, die Atmosphäre entspannt und unaufgeregt, dabei auch etwas roh und punkig. Also genau das, was gerade in der Mode angesagt ist. Die Halle ist das Baby von B&B-Chef Karl-Heinz Müller und ebenso stilbildend wie sein Einzelhandelsgeschäft 14 oz mit dem er Luxus neu definierte (Die Webseite gibt mit Film, Magazin und Buch einen sehr guten Eindruck dieses Segments). „Die Zusammenstellung der Marken und Label, die Inszenierung der Halle und die Auswahl des Restaurants habe ich zur Chefsache erklärt. Das ehrliche Produkt mit traditionellen Herstellungsverfahren ist ein großer Trend in unserer Gesellschaft. Hier besteht noch riesiges Potential – sowohl für uns als Veranstalter, für die Marken und Label selbst als auch für den Handel.“, sagt Müller. Über L.O.C.K. ist ein sehenswertes Buch erschienen, dass man online durchblättern kann.

Ein mediale Zerrbild bestimmt die Mode

Ein großes Thema in meinen Gesprächen war die Wahrnehmung der Fashion Week in den Medien. Das Hauptproblem ist, dass es kaum eine Persönlichkeit gibt, die offen ihre Meinung sagt und schreibt. In Paris und Mailand können sich alle hinter der allseits geschätzten Suzy Menkes verstecken, aber hier in Berlin? Zumal wenn durch parallel stattfinden Events in Milan and Paris, Sao Paolo and Hong Kong kaum Journalisten aus dem Ausland hier sind. Im Fokus der meisten Medien stehen die Schauen am Bebelplatz. Ihnen geht es nicht um die Bedeutung der Mode in und für die Gesellschaft. Sie verstehen Mode als Teil der Unterhaltungsindustrie – oft auf einem Niveau der Comedy-Shows im Privat-TV. Ihre Erwartungshaltung Stars am roten Teppich zu sehen droht jede Aussage zu ersticken (etwas worunter auch das internationale Filmfestspiel Berlinale leidet). Es entsteht ein Zerrbild, welches doch zum Meinungsbild beiträgt. Das Bedürfnis der Kunden, ein Verhältnis zur Mode aufzubauen, wird kaum befriedigt. Prototypisch wurde dies in einem Interview deutlich welches Wolfgang Joop dem Tagesspiegel gab. Dort sagt er: „Um mein Label zu gründen, habe ich einen Großteil meines Vermögens investiert. Aber diese Anstrengung sieht in Deutschland keiner.“

Deutlich wurde mir allerdings auch: Es braucht enorm viel Wissen um die Kollektionen beurteilen zu können. Diese Kultur fehlt in Deutschland. Denn es ist teuer kontinuierlich die Schauen im In- und Ausland zu besuchen. Doch dies braucht es, um die Entwicklungen der Mode insgesamt als auch der einzelnen Designer fundiert beurteilen zu können. Doch kaum ein Medium will dies zahlen.

Blutleere Kollektion bei Boss Black

Immer größer wird die Sorge um Hugo Boss, dem einstigen König der Konfektion. Zur Schau von Boss Black im Hamburger Bahnhof hatte ich keine Einladung (auch meine Anfrage wurde nicht beantwortet) doch gute Kritiken gab es kaum. Elke Giese vom Deutschen Modeinstitut bezeichnete die Kollektion als „blutleer“.  Selbst Banker vermissen die Begehrlichkeit bei Boss. Die Präsentation von Boss Orange auf der B&B bestätigte dies. Teures Marketing und Machosprüche vom Vorständen reichen eben nicht aus um eine Modemarke zu führen. Der Verlust der Designer (neben Dirk Schönberger bei Joop! musste Bruno Pieters bei Hugo gehen) war denn auch eines der Themen auf der Fashion Week; „Marken ohne Köpfe“ titelte der Tagesspiegel.

Fehlende Führungskompetenz

Dabei mangelt es nicht an Know-how (mehr dazu in wenigen Tagen im Deutschland Magazin).Es ist nicht zu verstehen, dass Deutschland in der Hochkultur mit seinen Dirigenten, Regisseuren, Ballettmeistern oder Lektoren hervorragend Künstler wie Musiker, Schauspieler, Tänzer oder Schriftsteller immer wieder zu Höchstleistungen führen kann, dieselbe Führungskompetenz aber im Bereich der Alltagskultur (mit Ausnahme des Automobildesigns) kaum vorhanden ist. Dabei wird gerade heute die Kraft von Persönlichkeiten wird gebraucht. Oder wie es Dorothee Schumacher sagt: Mode muss eine Seele haben.

Der Durchbruch für die Berlin Fashion Week?

Noch nie haben die offiziellen Pressemitteilungen nach einer Berlin Fashion Week so gejubelt: „Alles war auf den Punkt – ein Meisterstück.“, ließ BBB-Geschäftsführer Karl-Heinz Müller verkünden. 90.000 Besucher aus 100 Ländern sollen gekommen sein. Die Veranstalter der Messe Premium, sprechen stolz von 42.000 Besucher. Über 23.000 Besucher sahen die Herbst-/Winterkollektionen von 30 Designern im Zelt am Bebelplatz. IMG soll nach eigenen Angaben mit der sechsten Berliner Fashion Week erstmals Geld verdient haben. Nach Schätzungen von Berlin Tourismus Marketing zogen alle Fashion-Week-Veranstaltungen zusammen mehr als 200.000 Besucher an. Nur die erstmals in Berlin stattgefundene Jeans-Messe JAM war ein Desaster: Die Gänge waren leer, die Aussteller entsetzt. Für den Sommer (07. bis 09. Juli 2010) kündigte Müller eine Ausweitung der BBB um die Bereiche Sportswear und Kidswear sowie ein „Boarding House“ für junge kreative Labels an. Und ein ganz und gar unbescheidenes Motto: „Bread & Butter – Premier League“. Sehen wir uns dort?

Zuerst veröffentlicht unter dem Titel „All good things come to an end“ auf Young Germany.

Kategorie: - Berlin Fashion Week, Medien, Messen, Mode - Kommentare(0)
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