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Design Workshops
9. Mai 2010

Das Leben in Boisbuchet ist einfach. Doch die meisten Zimmer verfügen über eigene Badezimmer, nur an den ehemaligen Gänseställen ist es rustikaler.

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© Joachim Schirrmacher

Seit 20 Jahren bietet das Vitra-Design-Museum in Kooperation mit dem Centre Georges Pompidou internationale Design Workshops an. Geleitet werden sie von der Elite der zeitgenössischen Gestalter.
Joachim Schirrmacher hat auf Einladung des Direktors Alexander von Vegesack die Workshops im Südwesten Frankreichs besucht.

Gnam gnam, gnam gnam gnam“, der Ohrwurm der vier spielfreudigen „Korean Girls“ begleitet die ganze Woche. Der italienische Künstler Ludiko erkennt das Potenzial und produziert daraus ein Musikvideo (bei Youtube „gnamgnam Boisbuchet“ in die Suche eingeben).

Kreativität und Konzentration

Es ist diese unbegrenzte Kreativität, welche die Teilnehmer auf die Domaine de Boisbuchet im Südwesten Frankreichs kommen lässt. Alle jährlich rund 400 Teilnehmer – ob 18 oder 72 Jahre alt, Student oder Experte, Facharbeiter oder Laie – finden hier Motivation; die oft noch Monate später anhält.

Boisbuchet ist geprägt von einer eigenen Mischung aus Chaos, Kreativität und Konzentration, wie sie beim versunkenen Spiel von Kindern zu finden ist. „Die Sommerworkshops in Boisbuchet bieten uns die großartige Chance eine ganz Woche lang ohne jede Unterbrechung und Ablenkung zu ‚spielen’, ein wunderbarer Luxus! So können wir unsere kreativen Batterien aufladen“, sagt Manon Zinzell, die zusammen mit ihrem Mann eine Agentur für visuelle Kommunikation in New York betreibt. Und der Unternehmer Rene Küng aus der Schweiz kommt seit vielen Jahren, um Inspiration und Ideen für sein Spielzeugunternehmen Active Peopel zu sammeln.

Zusammenleben mit großen Gestaltern

Geleitet werden die sechs- bis elftägigen Workshops jeweils von einem renommierten Designer, Architekten oder Künstler. Jedes Jahr sind auch einige der ganz Großen – wie 2010 Fernando und Humberto Campana oder Jerszy Seymour – dabei.

Im Mittelpunkt der Workshops steht die Arbeitsweise der eingeladenen Designer. In der persönlichen Atmosphäre kann man direkt von den Gestaltern lernen. Da wir eine ganze Woche zusammen leben – vom frühen Milchkaffee bis zum späten Lammbraten – sogar intensiver als es bei einem Gastseminar an einer Hochschule der Fall ist. Diese Nähe bedeutet aber auch, dass man seinen Workshop sorgfältig auswählen sollte – nicht jeder Teilnehmer passt zu jedem Designer.

In dieser Woche lag der Reiz in drei sehr unterschiedlichen Positionen: Design-Kunst, Industriedesign und Musik. Der Workshop des Niederländers Maarten Baas (er wurde bekannt durch seine Kollektion „Smoke“ – verkohlte Möbelklassiker) stand unter dem für ihn programmatischen Titel „Institution and Pleasure“ (alle Workshops finden in Englisch statt).

Der in London lebende Japaner Shin Azumi versucht in seinen Projekten, wie einst Wilhelm Wagenfeld, „jene Simplizität zu erreichen, die den Gegenstand völlig unauffällig macht […] und [bei der] jedermann dieses Massenprodukt bejaht“. In Boisbuchet will er unter dem Titel „Sharing Sensations“ das Potenzial dieses Ortes nutzen.

Im Workshop von Richard McGuire, der in New York als Musiker, Illustrator und Animator arbeitet, gilt es, Spielzeuge zu entwerfen und seiner Risikofreude nachzuspüren: „Wenn man etwas entwirft ist es zunächst wichtig dies spielerisch zu tun, sich frei zu fühlen Risiken einzugehen und selber Freude an den Entdeckungen zu haben“.

„Moving Ground“ von Alan Smith, Erina Shimizu und Mikey war der poetischste Entwurf der Woche im Workshop von Shin Azumi „Sharing Sensations“. Alle waren verzaubert. Was so einfach aussieht hat viel Schweiß gekostet. Film von Holger Schmidt.

Aktuelle Designentwicklungen aus allen Kulturen

Auch wenn die Woche vorwiegend in dem gebuchten Workshop verbracht wird, ergibt sich durch das gemeinsame Arbeiten der drei Gruppen in den Holz- und Metall-, Porzellan- und Glaswerkstätten (mit einem eigenem Brennofen der in Kooperation mit dem Corning Glas Museum (USA) erbaut wurde), den Tischgespräch, den abendlichen Vorträgen der Workshopleiter und natürlich in der freien Zeit, ob am See oder am Lagerfeuer, eine gegenseitige Beeinflussung.

Der Wille zur Gestaltung fördert Kooperationen, da sich vieles alleine gar nicht bewerkstelligen lässt, handwerkliche Fähigkeiten fehlen oder schlicht aus Freude am gemeinsamen Tun. Auch die Kulturunterschiede, die unterschiedlichen Designsprachen und das Zusammenarbeiten der Generationen prägen die Woche. So ergibt sich eine Ideenschmiede mit aktuellen Designentwicklungen aus allen Kulturen, die es wohl so komprimiert nirgendwo anders gibt. Etwas, von dem auch das Vitra Design Museum selber profitiert.

Nicht nachdenken – machen!

In Boisbuchet geht nicht um perfekte Produkte, sondern um den Prozess. Trotz aller Computer: Gutes Design entsteht oft noch immer mit der Hand. Es sind jeweils völlig andere Denkprozesse. Hinzu kommt eine fast animalische Lust am Machen: die Freude wenn es funkt, lärmt und staubt, ein Objekt durch die eigene schöpferische Kraft entsteht, Materialien im Gut oder im Wald gesucht werden.

Zur Lust gesellt sich die Profession. In der Werkstatt kann man Proportionen und Funktionalitäten direkt beurteilen und muss nicht von einem Rendering abstrahieren.

Jede Stunde eine neue Aufgabe

So wie die Gruppe von Maarten Baas. Jede Stunde gibt es eine neue Aufgabe. Nicht nachdenken, machen, so will es Baas. Es gilt, einen Stuhlklassiker nachzubauen. Anschauung bieten die bekannten Miniaturen des Vitra-Design-Museums: So entstehen die „Chaise longue“ von Le Corbusier und Charlotte Perriand aus Pappe oder Marcel Breuers „Wassily“ aus Backstein.

Nach dieser Aufwärmübung gilt es, die folgenden Tage eine Installation mit einem selbst entworfenen Stuhl zu schaffen. Doch gerade diese offene Aufgabenstellung ist schwierig, gilt es doch sich zu entscheiden. Das 150 Hektar große Gelände mit seinen vielen Möglichkeiten macht dies nicht eben einfach.

Ansporn und Anregung

Die besondere Atmosphäre Boisbuchets hat großen Einfluss auf die Workshops. Neben den Gutsgebäuden von 1860 wurden in den letzten Jahren im Rahmen des Workshop-Programms experimentelle Bauten errichtet. So kann man in einem Pavillon von Shigeru Ban arbeiten, sich auf einer Skulptur von Ross Lovegrove sonnen, die meditative Stimmung der gewitzten Konstruktionen von Jörg Schlaich studieren und unter einem Dach von Simón Vélez eine Nacht in der Hängematte verbringen – auch wenn letzteres offiziell nicht vorgesehen ist. Weitere Stimuli bieten die Ausstellungen im Château – in gewohnter Qualität des Vitra Design Museums. Und dann ist da die Natur: Nahtlos geht das Landgut in die hügeligen Wälder und Wiesen über, auf denen Pferde, Esel und Schafe weiden.

Momente der Stille

Vieles erinnert in Boisbuchet an einen Kloster-Aufenthalt: Das Ausblenden der Welt. Der Ablauf des Tages mit seinem Rhythmus. Die langen Wege, die zum konzentrierten Denken anregen. Das einfache Leben, welches im Kontrast zur reichen Kultur steht. Und wenn sich abends am Lagerfeuer die kreative Kommune gegen das kühle Atlantik-Wetter mit bodenlangen Ponchos aus Kvadrat-Stoffen schützt, fühlt man sich endgültig einer Gemeinschaft angehörig.

Hinzu kommen die Orte der Ruhe: Sei es nur wenige Meter von den Werkstätten, hinter der Mauer im Gemüsegarten, auf Sofas im ehemaligen Pferdestall, an der Mühle am Ufer der wilden Vivivenne oder auf den Stufen des japanischen Pavillons von 1864.

Bislang ergaben sich bei jedem Aufenthalt Momente die bleiben: Beim Schwimmen im Morgennebel drangen aus einem geparkten Auto die zarten Töne des „Officium“ von Jan Gaberek und dem Hilliard Ensembel durch den Morgennebel. Mit einer Schale Tee in der Fensterleibung sitzen, in die Landschaft schauen und Musik hören, bis das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert eine Szene des Films „Jenseits von Afrika“ hervorruft.

Ein Gentlemen alter Schule

Spritus rector von Boisbuchet ist Alexander von Vegesack. Wer diesen Ort verstehen will, sollte das Buch über den Nachfahren des Barons von Münchhausens lesen (Adventures with Objects – Scoprire il design. La collezione Alexander von Vegesack, 2008 Fondazione Pinacoteca). Der ehemalige Betreiber des Hamburger Künstlerclubs Fucktory, Anbieter von Pferdetouren durch Spanien, Sammler und Gründungsdirektor des Vitra-Design-Museums hatte die Idee der Workshops und kaufte 1986 die alte Landdomäne, bezahlt mit Verkauf seiner wertvollen Thonet-Stuhl-Sammlung. Seit 1990 entsteht dort das Centre International de Recherche et d’Education Culturelle et Agricole (C.I.R.E.C.A.), ein Zentrum für Landbau und Kultur auf der Grundlage ökologischer Landwirtschaft. Mit viel Engagement und Kontakten entwickelte er Boisbuchet zu einem der renommiertesten internationalen Experimentierfeldern für Design und Architektur.

Ein Sehnsuchtsort

Trotz den spielerischen Momenten in den Workshops und internationalem Glanz: In Boisbuchet geht es um ernsthafte Designprozesse. Daher ist solch ein Workshop im Lebenslauf in der Designwelt ein weit geschätzter Höhepunkt. Für viele ist es sogar ein Wendepunkt im Leben: ob nun ein Praktikum, eine Kooperation und ein fester Job bei einem Workshopleiter vereinbart wird, ein Entwurf in Produktion geht oder in die Sammlung des Corning Museum of Glass aufgenommen wird – oder durch eine intensive persönliche Begegnung. So wundert es nicht, dass jeden Samstag nach dem Frühstück, wenn der Bus zur Abreise wartet, auch Tränen fließen. Für viele ist Boisbuchet ein Sehnsuchtsort geworden – für machne gar ein Leben lang.

Design-Workshops

Die vom Vitra-Design-Museum und dem Centre Georges Pompidou angebotenen Sommer-Workshops in Boisbuchet dauern sechs bis elf Tage.

Mögliche Themen sind Produktdesign, Grafik, Fotografie, Architektur, Ausstellungsgestaltung oder Schmuckdesign. Teilnehmen können alle Design-Interessierten (Laien und Profis) über 18 Jahre. Die Kurse finden in Englisch statt.

Basispreis für Workshop, Materialien, Unterkunft im Mehrbettzimmer und Vollpension: 925 bis 1.650 Euro (Ermäßigung für Studierende), Extra: Einzel- oder Doppelzimmer, Bustransfer, Getränke außerhalb der Mahlzeiten sowie die Internetnutzung.

Für Unternehmen werden maßgeschneiderte Workshops angeboten. Die Gebäude stehen auch für Konferenzen und Seminare zur Verfügung. www.boisbuchet.org

Veröffentlicht

© NZZ / Joachim Schirrmacher / illumueller.ch / Andreas Bodmer

NZZ am Sontag: Mit Profis experimentieren, 9. Mai 2010, S. 80

Kategorie: Architektur, Design, Fotogalerie, Reisen, Video - Kommentare(0)
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