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Sächsische Manufakturenlandschaft
16. Januar 2011

Einmal im Monat finden bei Nomos in Glashütte Führungen statt.

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© Sebastian Asmus

In Sachsen hat edles Handwerk seit August dem Starken Tradition. Seine Pracht entfaltete er nicht nur durch Schlösser und Sammlungen, sondern auch durch öffentliche Museen, der Gründung von über 20 Manufakturen und der Steigerung des Exports. Wir haben 4 von ihnen besucht.

Von Joachim Schirrmacher

Hellerau: Deutsche Werkstätten

Mit „schönen, schlichten Möbel zu bezahlbaren Preisen“, dem „Dresdner Hausgerät“ wuchsen die 1898 gegründete Deutschen Werkstätten (DWH) in nur zehn Jahren von 2 auf 450 Mitarbeiter. Es war die erste industrielle Möbelfertigung Deutschlands. Das Erfolgsrezept: Der Unternehmer Karl Schmidt, auch „Holz-Goethe“ genannt, hatte sein Qualitätsverständnis aus dem Handwerk in die industrielle Produktion mitgenommen.

Für seine Arbeiter realisierte Schmidt nach englischem Vorbild die ersten Gartenstadt Deutschlands in Hellerau. Die heute sanierte Siedlung ist eine der bedeutendsten und zugleich unbekanntesten Sehenswürdigkeiten in Dresden.

Arbeit, Wohnen, Kultur
Vor 100 Jahren, als Zille die Armut in Berlins Hinterhöfen zeichnete, suchte Schmidt mit dem Dreiklang Arbeit – Wohnen – Kultur eine Antwort auf die Folgen der Industrialisierung. Architekten wie Richard Riemerschmid, Hermann Muthesius und Heinrich Tessenow bauten Klein- und Landhäuser, Markt und Schule sowie eine Festhalle, nach den Idealen des Werkbunds. Das Festspielhaus bot nicht nur die erste Spielfläche mitten im Publikum und einen durch Fenster und Leuchten lichten Zuschauerraum, es war ein „Laboratorium des neuen Menschen“ wie Le Corbusier sagte. Heute ist hier das Europäische Zentrum der Künste zu Hause.

Vom „Dresdener Hausgerät“ zum grenzenlosen Luxus
Das Unternehmen DWH lag nach der Wende im Todeskampf: zu viele Mitarbeiter, veraltete Maschinen, unverkäufliche Möbel. Aufbauend auf die kleine Abteilung für Sonderfertigungen, konzentrierte man sich auf den hochwertigen Innenausbau. Eine Qualität, die von führenden Architekten wie Andrée Putman, Philip Stark oder Hans Kollhoff beim Ausbau von Vorstandsetagen, Villen und vor allem Luxusyachten der Sonderklasse bis 183 Meter (mit Lürssen, DML, Sete) gesucht ist. Das Luxusniveau ist kaum vorstellbar: Furniere für die ein Baum unter Tausend gut genug ist oder Hochglanz, der pro Quadratmeter 10 Kilo Lack und 20 Arbeitsgänge braucht. 30 Prozent aller Arbeiten wurden vorher noch nie so gelöst. Statt schlichter Möbel zu bezahlbaren Preisen, Superyachten mit dem letztgültigen Luxus.

Meissen: Porzellanmanufaktur

Meissen ist laut eigner Aussage die traditionsreichste Manufaktur Europas: Das Kaolin (die Porzellanerde) wird aus dem eigenen Bergwerk gefördert, über 10.000 Farben werden im eigenen Labor hergestellt, 800.000 Formen und über 2.000 Dekore liegen in den Archiven. Das Unternehmen ist vor allem für Zierfiguren und Service bekannt. Noch. Während im Museum, in den Schauwerkstätten, dem Geschäft und im Outlet, Café und Restaurant sich ein gediegenes Publikum an der 300 Jahre alten Tradition Meissens labt, wird in den Etagen darüber schon die Zukunft präsentiert. Die Vision: Luxus statt Porzellan. Das Vorbild: Hermès, das Pariser Luxushaus, das als Sattler begann. Die Strategie: limitierte Kunstwerke, Architektur und Interieur sowie Schmuck und Geschenke statt Nippes und Kaffeetassen. Auch wenn viele skeptisch sind, die Neuausrichtung wurzelt in der Geschichte des Unternehmens. So wurde Meissens Böttgersteinzeug unter Johann Jacob Irminger mit Gold, Rubinen und Diamanten kombiniert. August der Starke wollte für sein Japanisches Palais Thron und Baldachin, Kanzel und Orgel aus Porzellan. Und mit dem „Dresdner Fürstenzug“ schuf die Manufaktur aus 25.000 Fliesen das größte keramische Wandbild der Welt.

Auf nach Mailand
Ab 2011 soll es erstmals Fliesen von Meissen auf dem Markt geben, hier vornehm „Wandbekleidung“ genannt. Ihre Glasur mit dem lebendigen Farbspiel hat eine schimmernde Tiefe. Mit Quadratmeterpreisen von 300 bis 4.000 Euro sollen die Fliesen einen entscheidenden Anteil daran haben, dass das Unternehmen wieder schwarze Zahlen schreibt. Später soll der Bereich Architektur um Tapeten, Stoffe und Teppiche, Tische, Stühle und Sideboards ergänzt werden. Premiere ist auf der Mailänder Möbelmesse im April 2011, im eigenen Schauraum an der Via Montenapoleone. Von Meissen nach Mailand.

Dresden: Melkus Sportwagen

Es gibt drei deutsche Automobilmanufakturen: in Delbrück, Dülmen und Dresden. Melkus im Dresdener Stadtteil Bühlau ist der kleinste der kleinen. Vom Melkus RS 2000 werden in reiner Handarbeit zwei Wagen pro Monat gebaut. Die Werkstatt fasst nur acht Fahrzeuge und ist damit nicht halb so groß wie der Vorführraum im Design-Zentrum von Mercedes Benz.

Leichtbau statt Leistung
Der Melkus ist kein komfortbasierter Sportwagen, sondern die reine Lehre: ein klassischer Rennwagen mit Straßenzulassung. Die Lenkung reagiert direkt auf die Steuerung, jede Unebenheit ist zu spüren, der Motor röhrt und knurrt direkt hinter den Sitzen. Wo andere Wagen gleiten, darf der Fahrer hier richtig arbeiten: beschleunigen, schalten, bremsen, in die Kurve gehen, wieder Gas geben und immer wieder schnell schalten. „Es ist etwas völlig anderes, mit einem Leichtbauauto wie dem RS 2000 zu fahren, als mit einem tonnenschweren Sportwagen“, erläutert Geschäftsführer Seep Melkus seine Philosophie.

Melkus ist ein Rennwagen mit großer Geschichte. 1969 brachte Sepp Melkus’ Großvater, der Konstrukteur und Rennfahrer Heinz Melkus, mit dem RS 1000 den ersten und einzigen Rennsportwagen der Deutsche Demokratischen Republik auf die Straße. Er sah mit seinen Flügeltüren aus wie ein Ferrari und klang beim Anlassen wie ein Trabbi. Zwischen 1970 und 1980 wurde er genau 101-mal gebaut. 30 Jahre, nachdem der letzte der RS 1000 gefertigt wurde, wurde der Nachfolger Melkus RS 2000 auf der IAA direkt neben Austin Martin präsentiert. „Die Kunden suchen Spaß, Sportlichkeit und Technik, Exklusivität und vor allem Individualität“, sagt Sepp Melkus.

Glashütte: Nomos-Chronometrie

Weltweit gibt es etwa ein Dutzend Uhrenmanufakturen, drei davon in Deutschland und alle mit Sitz in Glashütte. Nomos ist davon die jüngste. Nomos Uhren sind ein wenig wie Freitag Taschen: gute Gestaltung, langlebige Qualität, erschwingliche Preise. Hier lebt das Ideal des Werkbunds fort.

Hightech und Handarbeit
Mit Uhren aus Glashütte ist es wie mit Schaumwein aus der Champagne oder Schinken aus Parma; nicht jeder darf den Namen für seine Produkte verwenden. In Glashütte geht dies erst, wenn mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung am Werk vor Ort geleistet wird. Bei Nomos ist das seit 2005 der Fall. Ganz in der Tradition des Werkbunds werden bei Nomos Handwerk und Hightech jeweils dort eingesetzt, wo sie ihre Vorzüge haben. Im ehemaligen Bahnhofsgebäude stehen die CNC-, Drahterodier- und Lasergraviermaschinen, sie stammen zumeist aus der Schweiz. Hier wird gefräst, gestanzt, getempert und geschliffen – alles auf den Tausendstel Millimeter. In der Chronometrie auf dem Berg über dem Ort arbeiten die Uhrmacher. Sie setzten Wellen, Triebe, Sekunden-, Minuten- und Stundenräder per Hand zusammen, regulieren das Uhrwerk und prüfen die Qualität.

Das Aufregende bei dem Besuch einer Uhrenmanufaktur ist zu sehen, wie winzig all die Schrauben und Federn, Zahnräder und Lagersteine, Zugfeder und Federhaus, Dichtungsringe, Anker und Ankerräder, Kronen und Zeiger sind. Man mag kaum atmen, aus Angst sie zu zerstäuben.

Heute, da fast alle Quarzuhren genauer gehen, sind mechanische Modelle vor allem Schmuck und Statussymbol. Jene von Nomos gehören zu den reduzierten und zurückhaltenden auf dem Markt: Keine zarten Abrundungen. Nichts, was schmeicheln will. Sie sind reduziert und lösen doch ein Verlangen aus. In komplizierten Zeiten verlangen die Kunden offenbar nach einfachen Uhren.

Adressen

Deutsche Werkstätten Hellerau, Moritzburger Weg 68, 01109 Dresden Hellerau

Staatliche Porzellanmanufaktur Meissen, Talstrasse 9, 01662 Meissen

Melkus Sportwagen, Am Weissiger Bach 149, 01328 Dresden

Nomos Glashütte/SA, Ferdinand-Adolph-Lange-Platz 2, 01768 Glashütte

Hotels

Suitess Hotel, Dresden: Fünfsterne-Privathotel mit 21 Zimmern direkt an der Frauenkirche. DZ ab 190 € (ohne Frühstück).

Schloss Eckberg, Dresden: Eines der drei Elbschlösser mit wunderschönen Badezimmern. Etwas ausserhalb, aber mit Tramverbindung in die Stadt. DZ ab 118 € (mit Frühstück).

Weitere Manufakturen in Sachsen:

Manufakturhaus, u.a. Touren zu verschiedenen Manufakturen in Sachsen

Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne

Veröffentlicht

NZZ am Sonntag, 16. Januar 2011, S. 88 – 89 (in gekürzter Form): „Wo Schönes von Hand entsteht

Hotel Mosaik, Winter 2010/11, S. 28 – 31, 48, 56 – 58 (z.T. in Englisch)

Kategorie: - Städte, Architektur, Design, Reisen, Unternehmen - Kommentare(0)
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