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ASOFF Barcelona
26. Januar 2012

Diane Pernet schafft mit ASVOFF einen Überblick über die Entwicklung des Modefilms.

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© Joachim Schirrmacher


Diane Pernet ist eine der bekanntesten Personen in der Welt der Mode. Die Modejournalistin mit ihrem Blog „A shaded view on Fashion“ (ASVOF) erkannte früh das Potential von Modefilmen. 2008 veranstaltete sie im Centre Pompidiou in Paris das erste Fashion Film Festival. Seitdem gab es ASVOFF in New York, London, Tokio, Mailand, Moskau, Mexico City oder beim Cannes Film Festival. Und nun in Barcelona. Diane Pernet bat Joachim Schirrmacher in die Jury. Er notierte zehn Beobachtungen.

ASVOFF Barcelona fand im Caixa Forum statt – direkt gegenüber liegt der wiedererrichtete Barcelona Pavillon von Mies van der Rohe –, zeitgleich zur Barcelona Fashion Week. Die Stadt hofft damit offenbar, die Lücke zu füllen, die der Umzug der Modemesse Bread and Butter nach Berlin hinterlassen hat.
Zu den Filmpräsentationen, Vorträgen, Blogger-Treffen und der Preisverleihung kamen 3.200 Besucher, zudem verfolgten 1.400 Menschen aus Polen, Brasilien, Japan, Türkei oder Kanada das Festival online.

500 Einreichungen

Die Jury beurteilte vom 10. bis 17. Januar 2012 in den Kategorien „Official“, „Students“ und „Mobile“ über 500 Kurzfilme die aus Spanien, England Italien, Deutschland oder den USA eingereicht wurden. Jedes Jurymitglied urteilte aus seiner Perspektive als Kritiker, Schauspieler, Kurator, Creative Diretor oder Journalist. Bewertet wurden u.a. Konzept, Innovation, Technik, Handwerk, Schnitt oder das Zusammenspiel von Bild, Raum, Mensch, Ton.

Mitglieder der Jury waren u.a. Glenn Adamson, Head of Research, Victoria & Albert Museum, London; Linda Loppa, Direktorin des Polimoda Fashion Institute in Florence;  Franc Pairon, Direktorin, Institut Français de la Mode, Paris oder Joachim Schirrmacher.
In einer Runde, die Glenn Adamson  moderierte, diskutierten Diane Pernet, Linda Loppa, Robb Young (Modejournalist und Berater) sowie Joachim Schirrmacher die Entwicklung des Modefilms (mit einer Simultanübersetzung in Spanisch und Katalan).

Ein Gerne in Entwicklung

Der Modefilm hat ein großes Potential. Zum einen durch die elektronischen Medien. Er schöpft aus einer vielfältigen Herkunft aus Werbefilm, Musikvideos, klassischem Kurzfilm oder Spielfilm (welche, wie „Jenseits von Afrika“ nicht selten Modewellen auslösten). Er kann aber vor allem das Wesen der Mode zum Ausdruck bringen, sie im Kontext und in der Bewegung zeigen. Ralph Lauren schreibt in seinem Buch „Ralph Lauren“ (New York, 2007): „When I work on a collection I feel like I’m making a movie. … I’m not just make a dress, I’m writing a story. While the dress is important, it’s just one part of the story. I write through my clothes with a theme that connects everything I do.“
Ähnlich wie bei einer Oper kommt es auf das Zusammenspiel vieler visueller, akustischer und rhetorischer Mittel an. (siehe auch: Gui Bonsiepe: Visuell-Verbale Rhetorik in „Interface. Design neu begreifen“, 1996).
Eine Aufgabe des Modefilms kann es sein – ähnlich wie bei einer Laufstegpräsentation – Gefühle, Stimmungen und Entscheidungen zu beeinflussen.

Der Modefilm ist in seiner Entwicklung noch am Anfang. Die Erfahrungen aus der Sichtung der eingereichten Filme und den Diskussionen in Barcelona, auf der Bühne, als auch beim Dinner:

1. Der Modefilm spielt eine zunehmend wichtigere Rolle, vor allem für die Webseiten der Modemarken. Die meisten Filme entstehen jedoch, weil die Kreativen das Medium interessiert. Viele Impulse kommen von den Studierenden.

2. Das Leitmedium in der Modebranche ist nach wie vor die klassische Anzeige in Hochglanzmagazinen.

3. Viele Modefotografen – darunter die prominentesten Namen – werden dem Medium Film nicht gerecht. Da stehen Models still im Wind, nur das Kleid oder die Haare bewegen sich, werden Foto in einem Album umgeblättert wie zu Großmutters Zeiten, oder Models laufen durch Set, bis die ganze Kollektion präsentiert ist.

4. Viele Modefilme setzen nur auf die bekannten großen Namen, ob Schauspieler, Models, Fotografen oder knüpfen an bekannten Images an. Wie sollen sie überraschen, wenn sie sich nur selber spielen?

5. Vielen Modefilmen fehlt ein Thema, eine Geschichte oder es wird schnell banal oder klischeehaft. Verstärkt wird dies, da zumeist auf einen Dialog verzichtet wird. Zu oft endet der Film mit einem „Fade out“. Die Autowerbung zeigt, wie man in wenigen Sekunden eine starke Geschichte erzählen kann.

6. Oft erschöpft sich der Film auf Effekte, wie Schock, sehr schneller Schnitt, Unterwasseraufnahmen die mal gut, mal schlechter umgesetzt wurden. Wo ist die Idee? Die Botschaft? Der Inhalt?

7. Models sind keine Schauspieler. Posen, die auf Fotos oft schon absurd aussehen, wirken in der Bewegung noch grotesker.

8. Es fehlt dem Modefilme eine wirtschaftliche Basis. Fast alle Filme sind Low-Budget Produktionen. Wenn es 1000 Euro für ein „Making-off“ der Print-Kampange gibt, ist es viel.

9. Wie im Foto auch, werden oft längst überwundene Frauenbilder präsentiert. Es gab kaum Einreichungen mit Männermode, obwohl hier derzeit die Entwicklung am interessantesten ist.

10. Auch ein Foto kann einen Film im Kopf anstoßen, Geschichten erzählen wie die Aufnahmen von Gregor Hohenberg für Frank Leder. Teilweise funktionieren Fotos besser als ein Film. Etwa wenn eine Bewegung im Foto spektakulär eingefroren ist. Das ist ein starkes Motiv, das die Phantasie, anregt.

Die Kategorien und die Preisträger

ASVOFF Barcelona Grand Prix for Best Film
„Ephemeral Nature“ von Gsus Lopez

Best Director of Fashion Prize
„La Taille for SHOWstudio“ von Marie Schuller & Kristian Schuller

Best Artistic Direction Prize
„Twin Parallel“ von Justin Anderson

Best Soundtrack Prize
„Gala’s Invitation“ von Alex Murray-leslie und Anat Ben-David

Best Student film Prize
„Amante“ von Paul te Riele

ASVOFF Barcelona Mobile Fashion Film Prize
„Boag“ von Jason Last
Ein Film mit Geschichte, Stil und einer Haltung.

People’s choice Mobile Fashion Film Prize
„Goggle me“ von Frankie Sharp

 

Veröffentlichungen

Die Zeit: „Nach mehr als einem Jahrhundert, in dem die Fotografie der visuelle Kommunikator der Mode war – und lange nachdem beispielsweise die Musikindustrie die Suggestivkraft eindringlicher Bewegtbilder für sich zu nutzen gelernt hat –, ist auch die notorisch konservative Modebranche im Umbruch.“

Die Presse: „Mode kommt in Bewegung. Neben starr stilisierten Kampagnenbildern gewinnt das Medium Film immer mehr an Bedeutung.“

Vogue.it: A selection of moments, images and styles, curated by Federico Poletti

 

 

Kategorie: - Städte, Mode, Vorträge - Kommentare(2)
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Kommentare(2)
  • 1. Annika Lange:

    Sehr schöne, klare Worte die dieses wachsende Genre und und seine aktuellen Probleme erkennt! Die Parallelen zur Geschichte des Musikvideos sind nicht von der Hand zu weisen – bleibt zu hoffen das sich der Fashionfilm nicht allzu schnell von „Jamba“ aufkaufen lässt!

  • 2. Miriam Klein, a little. film production:

    Ich finde sehr interessant, was Sie schreiben – vor allem unter Punkt 3, der explizit meinen Kritikpunkt der aktuellen Fashionfilme trifft:
    „Viele Modefotografen – darunter die prominentesten Namen – werden dem Medium Film nicht gerecht. Da stehen Models still im Wind, nur das Kleid oder die Haare bewegen sich, werden Foto in einem Album umgeblättert wie zu Großmutters Zeiten, oder Models laufen durch Set, bis die ganze Kollektion präsentiert ist.“

    Darin sehe auch ich das Hauptproblem bzw. den grundlegend falschen Ansatz vieler Fotografen.
    Hinzu kommt für mich der Einsatz visueller Effekte, mit denen viele Fotografen versuchen, ihre fehlenden filmischen Fähigkeiten und auch Kreativität zu kompensieren. Fotografie hat nichts mit Dramaturgie zu tun, genauso weit entfernt ist das Posen eines Models von einer richtigen Inszenierung.
    Dramaturgie und Inszenierung – diese beiden Komponenten sind für mich die wesentlichen Unterschiede zwischen Film und Fotografie – und werden von den meisten völlig unterschätzt….

    Ich denke allerdings nicht, dass es unbedingt einen Dialog geben muss im Film – vielmehr geht es mir darum, in einem kurzem Moment eine „Geschichte“ zu erzählen, ein Gefühl zu vermitteln, zu berühren und in die Welt der Protagonisten einzutauchen. Die Mode gerät für mich dadurch in den Hintergrund. Und meist haben mich genau diese Film beeindruckt: wenn die Mode für mich Sekundär wurde.

    Nichtsdestotrotz bleibt das alles Geschmacksache und gerade im Bereich Fashion-Film herrscht noch große Interpretationsfreiheit. Viele Filme sind für mich einfach nur Experimental- bzw. Kunstfilme. Ich verfolge mit meinen Filmen einen eigenen Stil und versuche, mein Wissen und Können aus der Film- und Modebranche zu vereinen – was in Zukunft auch zu Projekten mit Dialogen und einem richtigen Plot führen kann.

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