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Berlin: Modebranche wächst deutlich
4. Juli 2014

Neue Ladenkonzepte werden hierzulande zuerst in Berlin eröffnet, so wie Odeeh im Bikini Berlin gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

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© Christian Schwarzenberg

Mit neuen Modebüros von Otto, Porsche Design und Zalando wächst die Branche in Berlin. Zudem kommt Know-how aus aller Welt in die Stadt. 

Von Joachim Schirrmacher
 
Mode in Berlin, das ist spannend für die Medien, wirtschaftlich ohne Relevanz, so das Vorurteil. Also kann die Modewoche auch an der Peripherie stattfinden, ob am „Zentralen“ Festplatz oder so wie jetzt im Wedding, so die Meinung mancher Politiker.
 
Szene, Streetstyles, Schauen
Alle sollten genauer hinsehen. Denn Mode wird nicht nur in Berlin gelebt, sie wird hier auch wirtschaftlich relevant. Über die Jahre haben die Designer, die Modewoche und eine ganze Reihe von Unternehmen, die hier seit langem Geld verdienen, mit Mode (Evelin Brandt, Blacky Dress, Harald GlööcklerJackenlabel IQ), Accessoires (Mykita, IC! BerlinLiebeskind) oder Schuhen (Trippen) ein beachtliches professionelles Netzwerk aufgebaut. Mit Schnittmachern, Produktionsgesellschaften, Fotografen, Agenturen und Studios entstanden die entscheidenden Zulieferer-Strukturen für eine Modemetropole. Wählten früher deutsche Modeunternehmen eine Münchner oder Hamburger Agentur für ihre Öffentlichkeitsarbeit, wird heute immer öfter eine Berliner PR-Agentur beauftragt.
Hinzu kommen die vielen Showrooms internationaler Luxus-Modemarken und vor allem Läden. Früher wurden neue Ladenkonzepte meist in Düsseldorf eröffnet, nun streben alle nach Berlin.
 
Vorbild: Mailänder-Modell
Damit etablieren sich hier langsam Strukturen, wie sie in Paris, Mailand, London oder New York schon lange vorhanden sind: Design und Kommunikation sitzen in der Metropole, die Produktion ist auf dem Lande oder irgendwo auf der Welt. Ein Cluster-Modell, dass sich rechnet: Man trifft sich beiläufig, Reisekosten werden gespart und qualifizierte Kräfte werden vor Ort gefunden oder kommen gerne nach Berlin; sie müssen nicht wie sonst in Deutschland üblich mit einem „Schmerzensgeld“ in die Provinz gelockt werden, wo beispielsweise Hugo Boss, Marc’O Polo oder Falke sitzen.
Auch Messechef Karl-Heinz Müller war sich schon vor Jahren sicher: „Wenn die Mode Unternehmen begriffen haben, dass die Bread & Butter, die Premium und die Mercedes-Benz Fashion Week bleiben, wird es hier bald die ersten Firmenzentralen geben.“
 
Designer, Hersteller und Händler zugleich
Die Otto Group, Porsche Design oder Zalando haben hier Designbüros aufgebaut, bislang weitgehend unbeachtet von Modeszene und Medien.
Konkrete Zahlen gibt es noch nicht, auch weil die Dynamik der Mode nur schwer mit Statistiken zu fassen sind. Denn die neuen Geschäftsmodelle sind zumeist vertikal organisiert, machen also von der Produktenwicklung über die Steuerung der Produktion bis zum Vertrieb alles selber. Doch der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) interpretiert die vorhandenen Zahlen des Senats so, das Berlin mittlerweile die höchste Dichte an Modeunternehmen in Deutschland hat. Er plant daher mit dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG einen Arbeitskreis Mode: „Wir wollen der Mode-Branche eine Stimme geben und ihre Bedürfnisse und Interessen öffentlichkeitswirksam vertreten“, sagt Geschäftsführer Udo Marin.
 
Wir sind der erste große Anker
Porsche Design kam wegen des guten Images von Berlins, der Anziehungskraft für Mitarbeiter und dem professionellen Netzwerk: „Wir alle sind von Berlin begeistert“, sagt Geschäftsführer Jürgen Geßler.
Die Otto-Group ist mit der neuen Eigenmarke Edited in Berlin vertreten, die wiederum Start-up Collins mit 140 Mitarbeitern gehört. Unter der Leitung von Clarissa Labin arbeiten hier Design, Produktmanagement und Produktionsspezialisten. „Wir glauben, dass es wichtig ist, Experten und Kreative in dem für sie besten Umfeld einzusetzen“, begründet Co-Geschäftführer Tarek Müller die „strategische Entscheidung“.
Für Zalando entwickelt das Tochterunternehmen Z-Labels zwölf eigene Schuh-, Mode- und Accessoire-Kollektionen. Der Bedarf ist groß: Seit letztem Jahr verkauft der Onlinehändler mehr Mode als Schuhe. Am Ostkreuz sitzen in einem 20.000 Quadratmeter großen Neubau über 200 Mitarbeiter: Designer, Produktmanager, Produktentwickler oder Einkäufer. Mehr als 50 weitere Stellen sind derzeit ausgeschrieben. Für das Team wurden seit Ende 2010 Mitarbeiter aus London, Spanien, Schweden, Italien und Frankreich gewonnen. Sie arbeiteten zuvor bei großen vertikalen Anbietern wie Zara, Mango, H&M oder Topshop. Sie bringen nicht nur Erfahrungen mit, sondern auch professionelle Netzwerke wie Lieferanten und andere Arbeitsprozesse. Mit ihnen steigen auch die Gehälter in Berlin: „Wir wollen kein Lohndumping, sondern die besten Leute für ein langfristig erfolgreiches Geschäft“, sagt Geschäftsführer Jan Wilmking zu Dumping-Tagessätzen von 150 Euro die Z-Labels frei arbeitenden Modedesigern zahlen soll, wie in der Szene erzählt wird.

Know-how aus aller Welt
Mit den neuen Designbüros erlebt die Mode in Berlin ein strukturelles Wachstum. Eine neue Qualität entsteht jenseits der Frage, welches Unternehmen hier eine Modenschau zeigt oder nicht. Denn mit den neuen Modebüros kommt wieder Know-how aus aller Welt in die Stadt – so, wie einst Juden und Hugenotten kamen und hier die Modekonfektion erfanden. Vom Know-How profitieren auch kleinere Labels. Die Mode in Berlin nimmt weiter Fahrt auf.

Veröffentlicht
Erstveröffentlicht in leicht gekürzter Form: In Berlin wächst die Modebranche deutlich“ Tagesspiegel, 4. Juli 2014, Seite 16


 

Kategorie: Mode, Unternehmen - Kommentare(0)
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