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Interview mit Reimund Neugebauer, Präsident Fraunhofer-Gesellschaft
15. April 2017

„Der Designer muss von Anfang an integrativer Teil des Entwicklungsteams sein.“ Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Foto: © Bernhard Ludewig


Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, über das ungenutzte Potenzial in der
Zusammenarbeit von Ingenieuren und Designern.

Interview: Joachim Schirrmacher

Wie sieht bei Ihnen bisher die Zusammenarbeit mit Designern aus?
Neugebauer: In erster Line ermöglichen wir Design durch Technologien. Ob bei Konsumgütern wie Telekommunikation und Automobil oder Investitionsgüter wie Produktionsanlagen und Roboter. Nur zwei Beispiele aus unseren 100 Standorten: Eine disruptive Innovation sind schaltbare Farben. In Zukunft fahren Sie morgens mit einem Titanschwarzen Auto raus und auf Knopfdruck kommen Sie in Tornadorot wieder heim. Ein totaler Durchbruch! Unser MP3-Institut in Erlangen arbeitet an akustischen Lösungen im Automobil. Vier Personen sitzen im Auto, jeder hört einen anderen Sender, aber keiner hat einen Kopfhörer auf oder stört den anderen. Beides wird den Designern völlig neue Räume öffnen!

Warum haben Sie den IdeenwettbewerbForm follows Future“ mit der Hochschule München und der Universität der Künste Berlin gestartet?
Als Präsident will ich vor allem Impulse für die Forschung geben. Ich bin überzeugt, dass sich die Innovationsprozesse verbessern lassen, wenn wir enger mit Designern zusammenarbeiten. Deren ganz anderes Denken hat Rückwirkungen auf unsere Entwicklungen. Dieser Austausch ist auch das Ziel unserer jährlichen Netzwerktagung, wo wir die Ergebnisse des Wettbewerbs vor 450 Wissenschaftlern aus allen Instituten präsentierten.

Die Industrie wünscht von Ihnen zunehmend Komplettlösungen. Wie kann Design hier stärker integriert werden?
Der Wunsch der Industrie nach einem „One-stop-shopping“ war nicht der Grund für unseren Wettbewerb.  Der Designer ist das Tor zum Kunden und prägt maßgeblich die Produktakzeptanz. Ich bin daher richtig froh über diese Kooperation. Sie zeigt mir, wie viel Potential wir heute noch gar nicht nutzen.

Führt das sogenannte T-Profil, die Zusammenarbeit von Generalisten und Spezialisten, zum Dreamteam?
Wir werden gemeinsam zu völlig neuen Arbeitsweisen kommen. Designer arbeiten zum Beispiel mit Methoden, die uns weniger vertraut sind. Denken Sie an partizipatorisches Design, etwa per Crowdsourcing oder Big-Data, wenn eine Million Kunden im Netz über kognitive Maschinen Meinungsbilder erzeugen und wir über maschinelles Lernen Muster zur Produktgestaltung ableiten. Dadurch wird zwar viel von den heutigen Aufgaben eines Designers automatisiert, aber offene Gestaltungssysteme sind in meinen Augen eine ungeheure Chance.

Die frühzeitige Integration von Design erbringt vielfältigen Nutzen: schnellere Umsetzung von Forschungsergebnissen, Identifizieren neuer Absatzmärkte, Gewinn an Funktionalität, Qualität und Wettbewerbskraft. Dies ist das Ergebnis eines Forschungprojekts mit Designstudierenden und Ingenieuren in Bremen.
Die vielen Vorteile entstehen durch das ständige Ping-Pong spielen zwischen Naturwissenschaftlern, Ingenieuren und Designern. Der Designer muss daher von Anfang an integrativer Teil des Entwicklungsteams sein. Ich habe es selber erlebt: ein Automobildesign hatte eine Aura und Alleinstellungsmerkmal, war aber mit den Hinterschnitten nicht zu fertigen. Da sind wir auf die zugegangen: „Das geht nicht.“ Dann sagte der Designer: „Sage mir doch was geht.“ Das hat er dann berücksichtigt. Wenn ein Designer erst am Ende in eine Konstruktion grätscht, gibt es natürlich eine herzliche Aversion.

Sie haben zu Ihrem Amtsantritt Quantensprünge in der Forschung gefordert. Wie kann Design dazu beitragen?
Ich sehe zwei große Linien: Neben dem eben distuktierten Partizipatorischem Design die soziale Dimension von Design: Produkte, die helfen Perspektiven für die afrikanischen Ländern zu schaffen. 300 Millionen Europäer stehen 1,5 Milliarden Afrikaner gegenüber. Das wird uns natürlich in Konflikte führen. Die werden anführen: Ihr habt 300 Jahre unsere Ressourcen ausgebeutet, jetzt wollen wir an euren Ressourcen teilhaben. Wenn wir für diese Menschen Lebensbedingungen schaffen und eine Welt aufbauen wollen in der sie glücklich und zufrieden sein können, brauchen sie eine eigene Wertschöpfung. Sie müssen selbst attraktive Dinge produzieren können, die sie auch selber nutzen und verkaufen: Einfache, funktionale Produkte die dennoch kulturelle Ansprüche erfüllen, wie der autarke Pumpenantrieb Lifesource aus diesem Wettbewerb. Design ist dann nicht mehr nur ein sophisticated Teil der Luxusgüterindustrie, sondern trägt zu einem erfüllenden Leben bei. Dem Design kommt da eine große Rolle zu, damit wir weiter miteinander vernünftig in der Welt klarkommen.

Es gibt hier ja vieles: Gui Bonsiepe arbeite seit 1968 im Bereich der Entwicklungs- und Industrialisierungspolitik in Lateinamerika. Mark Kwami gründete die „Made in Africa Collection“, Matali Crasset und Sebastian Herkner arbeiten im „Basket Case“ mit dem Goethe-Institut. Und das Vitra Museum zeigte 2015 die Ausstellung „Making Africa“ mit Arbeiten von 120 Gestaltern die zeigen, was Design im 21. Jahrhundert dort leistet. Diese Erfolge werden jedoch wenig wahrgenommen, auch weil Design nicht im Innovationssystem verankert ist.
Es gibt eine pragmatische Erklärung: Wenn wir Forschung betreiben – auch in Kooperation mit der Max-Planck Gesellschaft – ­reden wir über neun sogenannte Technology Readiness Level, vom Grundgedanken über die Prototypen bis zur kommerziellen Umsetzung. In all diesen Prozessstufen ist das Design als Wirkungselement nicht festgeschrieben.

Trotz über 100 deutschen Designschulen ist im Bundesministerium für Bildung und Forschung keiner für Design zuständig, es gibt also keine Tür in diese Welt.
Designer haben keine starke Lobby in der Politik, sie sind als Wirtschaftsfaktor und als Wählerzahl zu schwach. Am meisten profitieren große Unternehmen und viele Mittelständler von ihrer Arbeit. Ich denke, hier muss das Design ansetzen und stärker kommunizieren, welche Vorteile es bringt, in Forschungsprozesse integriert zu werden.
Wir forschen mit der Automobilindustrie seit 10 Jahren in großen Projekten zur Elektromobilität. Doch wir bauen bei den Prototypen immer noch Elektromotoren in Verbrennungsfahrzeuge ein. Das Design spielte noch keine Rolle! Dabei kann ein ganz neues Lebensbereich im Auto entstehen, es wird zum Büro und zur Lounge. Das Neue entsteht an den Schnittstellen und muss von Anfang an gemeinsam wachsen. Durch die Zusammenarbeit von Designern, Entwicklern und Produzenten kann mit wenig Aufwand ein Potential gehoben werden, was sondergleichen ist.

Dies Potential wurde schon in vielen Projekten deutlich: Neben Ihrem Ideenwettbewerb, zum Beispiel das Bremer Forschungsprojekt, der Design Reaktor Berlin, die Hybrid-Plattform oder das Symposium „Design als Innovations-Katalysator“ ihres Cerri-Intituts. Es hieß jedes Mal: Der Gewinn ist sehr groß. Aber es gab nie eine Verstetigung. Jeder fängt mit großem Aufwand wieder bei null an. Wie kann man die Kraft der Kooperationen dauerhaft nutzen?
Man kann Forschern ihre Arbeitsweise, wie die Zusammenarbeit mit Designern, nicht verordnen. Es geht nur durch ein motiviertes Aufeinander-zu-gehen. Nachhaltig wird es nur, wenn beide Seiten einen echten Vorteil für sich erkennen. Wir als Fraunhofer-Gesellschaft können das unterstützen. Nicht, indem wir einfach Geld geben, sondern indem wir eine Art Expertenpool bilden, wo die Interessierten einfach auf Moderation, Erfahrung und Beratung zugreifen können. Und wir können Gemeinschaftsprojekte fördern, in denen Naturwissenschaftler und Ingenieure mit Designern unkompliziert etwas ausprobieren können und erkennen: „Wow, die letzten drei Stufen meines Erfolges hätte ich nicht ohne den Designer gehabt.“

Herzlichen Dank!

Reimund Neugebauer, Prof. Dr.-Ing. habil. Prof. E. h. Dr.-Ing. E. h. mult. Dr. h.c. mult. ist seit 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Zuvor leitet er unter anderem 21 Jahre das Fraunhofer Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik, wo er vor allem mit der Automobilindustrie zusammengearbeitet hat. Fraunhofer ist mit 69 Instituten und über 24.500 Mitarbeitern die größte Organisation für anwendungsorientierte Forschung in Europa. www.fraunhofer.de

Veröffentlicht
Zuerst erschienen in gekürzter Form: Design Report, 2 / 2017 S. 80–83

 

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