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Privatjets
11. Juni 2016

1/12 Foto: © Christian Schwarzenberg


Ein Blick hinter die Kulissen der Privatjets von Netjets Europe

Von Joachim Schirrmacher

Das große Geld will einen großen Jet
Der Nimbus des Fliegens ist dahin. Spätestens seit Lufthansa den Sitzabstand unter den von Ryanair verringerte. Solche Sparmaßnahmen und immer neue Sicherheitsstandards schaffen Frust bei fast jedem Flug. Selbst die Firstclass ist nicht mehr dagegen gefeit, auch da ist man Teil eines Systems. Geschäftsflugzeuge werden daher bei Privatkunden immer beliebter. Die Schweiz ist mit 291 registrierten Business-Jets (Quelle aller Zahlen: Wingx 2015) nach Deutschland (869), Frankreich (505) und England (468) der größte Markt in Europa. Hinzu kommen im Ausland registrierte Jets. Dabei liebt man es bequem: In der Schweiz sind alleine 63 große Jets von Bombardier, Gulstream oder Dassault zugelassen. Sie sind aus technischer Sicht für die geflogen Routen wie Genf–Moskau zwar deutlich überdimensioniert. Aber das große Geld will einen großen Jet, auch wenn es nur um die Ecke ins Büro geht. Zudem gibt es 20 Charter-Anbieter wie TAG Aviation (10 Jets), ExecuJet (7), Jet Aviation (7), CAT Aviation (7), Fly 7 (6) oder Premium Jet (5) und sogenannte AirTaxianbieter wie GlobeAir, Blink oder WIJET. Diese Dienste werden zumeist für kürzere Strecken gebucht. Allein der weltweite Marktführer für Charter und Teileigentum, Netjets (100 Flugzeuge in Europa), hat 200 Schweizer Kunden und führte 2015 hier etwa 3.000 von insgesamt 43.836 Flüge durch. Von Montag bis Donnerstag wird meist geschäftlich geflogen, am Wochenende zur Art Basel, Champions-League oder nach Nizza.

An Board geborgen wie ein Baby
Zu rund 80 Prozent werden laut Carsten Michaelis, Regional Senior Vice President Central and Eastern Europe von Netjets, Privatejets dort, wo es keine direkten Linienflüge gibt (z.B. von Zürich nach Leipzig) und von „the middle of nowhere“ zu ebensolchen Zielen genutzt, etwa vom Firmensitz in der Provinz zum Werk irgendwo in Osteuropa. Doch mit 1.731 Flügen ist die Route Genf-Paris (Le Burget) Spitzenreiter. Es folgen Genf–Nizza (852), Genf–London Farnborough (505) und Genf–Zürich (472). Dabei gibt es allein täglich 28 Linienverbindungen von Genf zu vier Londoner Flughäfen. Sicher, man ist mit dem Privatflieger etwa 2 Stunden schneller und hat am Abend mehr Zeit für die Familie. Separate Check-ins und Sicherheitskontrollen sparen ebenso Zeit wie citynahe Flughäfen in London. Doch neben diesen rationalen Gründen, der Diskretion und wohl auch dem Status-Beweis spricht ein sehr emotionaler Grund für den Privatjet: Trägt man Dauerverantwortung, ist es eine der wenigen Entlastungen, wenn man sich beim Reisen nicht dem immer nervenderen System anpassen muss, sondern sich das System nach den eigenen Wünschen richtet. Im Business-Jet hat der Fluggast Abstand von der Welt, Ruhe und Privatsphäre: „Sie fühlen sich wie bei uns an Board geborgen wie ein Baby“, sagt Myra Perez, Direktorin des Kundenservice von Netjets Europe.

Wie Stretch-Limousine statt U-Bahn
Der Unterschied zu einem Linienflug ist so, als führe man in New York statt in der heißen und rumpelnden U-Bahn in einer kühlen und sanft gepolsterten Stretch-Limousine. Es sind viele Details, die neben der splendid isolation die Reise angenehmer machen: die Ruhe durch die speziell gedämmte Kabine, die Nespresso-Maschine an Bord (was einfacher klingt, als es in der streng zertifizierten Luffahrt ist), die WLAN-Verbindung, die Zigarre die man rauchen, oder der Hund, der mitfliegen darf. Auch der Service ist angenehmer und persönlicher. Keine standardisierten Phrasen, sondern eine persönliche Ansprache der Piloten. Bei einem kurzen Presseflug mit dem Senior-Chefpiloten Thomas Born fühlten wir uns, als ob Vati am Steuer schaut ob es uns hinten gut geht. Kurz, es ist eine Freiheit und ein Komfort, von dem auch Firstclass-Passagiere nur träumen.

Sage niemals Nein
Wie aufwendig es ist, diesen diskreten Luxus zu organisieren, davon konnten wir uns zwei Tage lang im Operations- und Trainingscenter von Netjets Europe in Lissabon überzeugen. 500 Mitarbeiter kümmern sich dort rund um die Uhr die 1.500 owner: Kundenservice, Flugpläne, die Berechnung des benötigten Kerosins, Einsatz der Piloten und Flugzeuge, Überflugsrechte, Landegenehmigungen oder Buchhaltung. Die Speisen werden von Restaurants geliefert, die dafür von einem eigenen Koch geschult werden. Hinzu kommen die Wartung und natürlich die 700 Piloten, die jeweils fünf Tage an 44 Orten im Bereitschaftsdienst sind. „Rund 40 Mitarbeiter sind in jedem Flug involviert“, sagt Luis Lopes, Head of Flight Support. „Während bei Raynair vier Mann die 1.600 Flüge am Tag überwachen sind es bei uns 40 Mann“, verdeutlicht Lopes den Aufwand der Bedarfsfliegerei. Und verschiebt der Kunde auf seiner App den Flug, beginnen alle Abteilungen, das dynamische Puzzel neu zu planen. Dennoch gilt die Regel: „Sage niemals Nein“, betont Myra Perez.

Im Fall der Fälle soll jeder Handgriff sitzen
Ein hoher Aufwand herrscht auch im Training der Piloten. Hier fängt jeder als Copoliot an, egal, ob er vom Militär oder einer großen Fluggesellschaft kommt. Erst nach weiteren 1.500 Flugstunden wird man hier Kapitän. Alle sind zweimal im Jahr für je vier Tage im 5 Millionen Euro teurem Trainigscenter nahe dem Badeort Cascais, wo Ian Flemning James Bond erfand. „Das dient nicht nur den technischen Übungen, sondern auch der Zusammenarbeit der Piloten, dem sogannenten Crew Resource Management“, sagt Philippe Jacobs, Director of Training. Und er pocht nachdrücklich darauf, dass ein Pilot nur einen Flugzeugtyp fliegt, damit im Fall der Fälle jeder Handgriff sitzt. Während eine Fluglinie die immer gleichen Flughäfen anfliegt, weiß der Pilot eines Businessjets morgens nicht, auf welchem der gut 900 Flughäfen Europas er Abends landet. Viele davon sind sehr anspruchsvoll, wie Semmanden bei St.Moritz.
Auf dem Flughafen Cascais, im neuen Embraer Phenom 300, wo das Cockpit mit all den Displays aussieht wie im Tesla, lässt Kapitän Peter Rupert Ernst durchblicken, dass es auch ganz anders geht. Wohl nicht wenige Piloten von Privatjets die direkt bei den Kunden angestellt sind, fliegen „Freestyle“: „Die machen, was der Kunde will“. Ernst ist froh, dass bei Netjets die vorgeschriebenen Ruhezeiten eingehalten werden.

5.000 bis 11.000 Euro pro Flugstunde
Wieviel das alles dem Kunden kostet, darüber hält sich Netjet bedeckt und nennt nur Preise pro Flugstunde zwischen 5.000 bis 11.000 Euro, je nach Flugzeugtyp. Marcel Wepfer von Premium Jet nennt Zahlen: Eine Tagesreise Basel–London–Basel mit einer Challenger 300 kostet 12.900 Euro. Zürich–Moskau–Zürich mit der Challenger 604 und einer Übernachtung für die Crew schon 34.700 Euro, und Zürich–New York–Zürich mit zwei Übernachtungen in einer Gulfstream G550 kostet 121.700 Euro. Berechnet wird der Preis pro Flugstunde, plus Landegebühren und Übernachtungen. Aber klar ist auch, es ist ein Angebot für Kunden deren Einkommen noch unterhalb der finanziellen Stratosphäre liegt. Erst ab 400 Flugstunden im Jahr lohnt sich ein eigener Jet.

Veröffentlicht
Zuerst erscheinen in leicht gekürzter Form: Z-Magazin der Neuen Zürcher Zeitung und der NZZ am Sonntag, 11. Juni 2016

 

Kategorie: Lifestyle, Reisen, Unternehmen - Kommentare(0)
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